Was ist mit dem Wasser los? Climate Action Academy Wasser von 2811

Bei den vielen Klimaextremen, Hitzewellen, Überschwemmungen und Dürren, die die Welt in diesem Frühsommer 2022 heimsuchen, scheint es immer noch schwer begreiflich, dass die „globale Klimakrise“, die noch vor wenigen Jahrzehnten so weit entfernt und abstrakt schien, nun Europa mit voller Wucht erreicht hat. Wenn man bedenkt, dass 70 % der Oberfläche unseres „blauen“ Planeten mit Wasser bedeckt sind, verstärkt der Gedanke über Themen wie „Wasserknappheit“ und „Grundwasser Erschöpfung“ zu sprechen, dieses seltsame Gefühl nur noch mehr. Wasser ist nicht nur Quelle des Lebens, sondern wird mit einiger Sicherheit auch das Medium sein, über das wir die Auswirkungen des Klimawandels besonders deutlich und hautnah zu spüren bekommen.

Dieses offensichtliche Dilemma in ein nachvollziehbares und handhabbares Konzept zu verwandeln, war das Ziel eines transnationalen Projekts, das kürzlich in Deutschland und Slowenien von 2811, Weltweit e.V. und Ja Slovenija durchgeführt wurde: die „Climate Action Academy Water“. Zwischen dem 28. April und dem 2. Juni strebte ein Online-Trainingsprogramm an, deutsche und slowenische Lehrkräfte und Jugendorganisationen dazu zu befähigen, Themen wie Klimawandel, Wasserwirtschaft, ökologische Lösungen und Klimagerechtigkeit stärker in ihre Aktivitäten und Lehrpläne zu integrieren. Wasser stellt nämlich nicht nur eine Bedrohung dar, sondern spielt auch eine zentrale Rolle bei der Minderung der Auswirkungen des Klimawandels und der Anpassung an ihn. Das vom Erasmus+ Programm der Europäischen Union und der Clément Stiftung finanzierte Projekt bot Lehrer:innen, Mitgliedern von Jugendorganisationen, Expert:innen, Moderator:innen und Schüler:innen die Möglichkeit, sich auszutauschen und gemeinsam darüber nachzudenken, wie das Potenzial lokaler Gemeinschaften im Umgang mit globalen Umweltherausforderungen genutzt werden kann.

Laut Remy Rupp, Klimaschutzberater bei 2811, haben die schweren Hochwasserkatastrophen, die Deutschland im August 2021 trafen, die (Un)Gewissheiten des Landes über den Klimawandel dramatisch erschüttert. „Das Land erkannte allmählich, dass es mit Sicherheit in gleichem Maße vom Klimawandel betroffen sein wird wie andere gefährdete Länder. In der Tat versagten während dieser dramatischen Ereignisse alle als zuverlässig geltenden Notdienste. Diese Gefahren sind natürlich auch in Slowenien spürbar, einem Gebiet, das durch seine vielen Flüsse und seine Nähe zu den Alpen geprägt ist. Die Ereignisse haben unsere physische Nähe zum Klimawandel deutlich gemacht und ihn auch kognitiv nähergebracht.”

Mit demselben Bewusstsein und Willen, sich der Klimakrise zu stellen, haben 2811, Weltweit e.V. und Ja Slovenija beschlossen, dieses Projekt mit der Idee durchzuführen, Lehrkräfte und Jugendorganisationen durch die Verbreitung von Wissen, Fähigkeiten, Methoden und Erfahrungen rund um die Wasserproblematik zu schulen. Die ursprünglich 2016 in Chile gegründete Organisation 2811 (2811 steht für den 28. November 2015 als zum ersten Mal in der Geschichte Chiles das Land seine natürlichen Ressourcen vor Ende des Jahres aufgebraucht hatte), nun auch in Berlin ansässig, hat seitdem eine tiefe und weitreichende Expertise im Bereich sozialer Innovationen und klimabildungsbezogener Projekte in Lateinamerika und Europa gesammelt. Durch die Partnerschaft mit den gemeinnützigen Organisationen Weltweit e.V. mit Sitz in Bad Soden, Hessen und Ja Slovenija, mit Sitz in Ljubljana, der Hauptstadt Sloweniens, die beide im Bereich der Stärkung junger Generationen tätig sind, konnte dieses Projekt die Entwicklung eines innovativen und kooperativen Bildungsumfelds fördern.

Eine innovative Struktur

„Die Akademie bestand aus einem 5-wöchigen Trainingsprogramm, das sich aus etwa 8 Stunden Gruppensitzungen (Videokonferenzen), 12 Stunden Einzelarbeit sowie einer gemeinsamen Abschlusssitzung der deutschen und slowenischen Teilnehmer:innen zusammensetzte. Aufgeteilt in 5 Module, konzentrierten sich die Sitzungen auf Themen wie: “Verstehen der Klimakrise“, „Trends in der Umwelt- und Klimabildung“, „Werkzeuge kennenlernen & Entwicklung von Ansätzen und Leitfäden“, „Visionen für eine lebenswerte Zukunft“ und schließlich das gemeinsame Modul mit Teilnehmenden aus Deutschland und Slowenien. Methodisch legte das Programm großen Wert auf die Konzepte des systemischen Denkens und des “Challenge-based Learning” (Lernen durch Herausforderungen), die einen innovativen Rahmen für das Lernen bei der Lösung von Herausforderungen bieten und wesentliche Kompetenzen wie Unsicherheitsmanagement, Kreativität und Selbstwirksamkeit fördern. „Während dieses neuartigen Programms sollten die Teilnehmer:innen kartieren, wo, wie und wann nationale, regionale und lokale Umweltkonflikte auftreten und über die Entwicklung möglicher Lösungen nachdenken“, so Remy weiter.

Darüber hinaus lag der innovative Charakter des Projekts auch in der Einbeziehung verschiedener Zielgruppen in die deutsche Fassung der Akademie. Durch die Einbindung der Mitglieder von Jugendorganisationen und der Lehrkräfte, zielte das Projekt darauf ab, den Austausch von Wissen, Fähigkeiten und Erfahrungen zwischen diesen beiden Gruppen zu fördern. Neben der zentralen Rolle der Schule im Bildungssystem brachten die hessischen Lehrerinnen und Lehrer ihre hohe Motivation zum Ausdruck, Klimabildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) weiter in Schulen voranzutreiben. Nicht zuletzt durch die Akkreditierung des Programms durch das Hessische Kultusministerium wurde die Bedeutung der Veranstaltung als Beitrag zu dieser wichtigen Entwicklung im Bildungsbereich unterstrichen.

Es handelt sich um ein neuartiges Programm, das auch Partnerorganisationen mobilisierte, die bereits bei früheren Projekten mit 2811 zusammengearbeitet haben, wie zum Beispiel EIT Climate-KIC. Diese Organisation, die sich der Beschleunigung des Übergangs zu einer klimaresistenten Gesellschaft verschrieben hat und vom Europäischen Institut für Innovation und Technologie unterstützt wird, mit dem sie bei der Entwicklung des Programms Young Innovators zusammengearbeitet hat, zielt darauf ab, die Fähigkeit junger Menschen zu fördern, innovative Lösungen für den Klimawandel zu entwickeln. „Wir haben 2811 kennengelernt, als sie einen Young Climathon in Linares, Chile, organisierten, wo wir schnell ihre große Erfahrung und ihren Enthusiasmus bemerkten, die perfekt mit den Werten von Climate-KIC übereinstimmten. Deshalb haben wir ihnen die Leitung dieser Akademie anvertraut, die den Menschen die Augen für die Bedeutung von Wasser öffnen soll, insbesondere für Dürren, Überschwemmungen und den Zugang zu sauberem Wasser, die für immer mehr Gemeinden ein großes Problem darstellen” erklärte Bram Drijvers, Koordinator des Young Innovators Programms von Climate-KIC.

Eine völlig neue Erfahrung

Auch wenn das Thema Wasser inzwischen von den Medien und einer Vielzahl von Organisationen weitgehend aufgegriffen wurde, gilt das Projekt in seinem Bereich als experimentell, insbesondere aufgrund seiner einzigartigen pädagogischen Methoden. Eine Tatsache, die von den Teilnehmer:innen geteilt wird, die erklärten, dass sie auf der Grundlage des erworbenen Wissens sofort mit der Entwicklung von Programmen begonnen haben. „Es ist wie in einer Schule, mit Gruppenarbeit, Aktivitäten, usw. Es gibt eine Menge interessanter Inhalte. Ich schätze es, dass wir auch mit den anderen Organisationen in Kontakt bleiben können, um zu sehen, welche Art von Projekten sie entwickeln und um neue Vernetzungsmöglichkeiten zu schaffen“, erklärte Lena Stingl, Mitglied der gemeinnützigen Organisation Ecokids mit Sitz in Hofheim am Taunus, Hessen, eine Teilnehmerin dieser ersten Ausgabe.

Kimon Letzner, ein weiterer Teilnehmer aus Deutschland, der 2019 die Initiative GemeinSchafftNatur in Berlin gründete, fügte hinzu: „Etwas sehr Fruchtbares war der Austausch zwischen Nichtregierungsorganisationen, Lehrkräften und anderen Einrichtungen in diesem Bereich. Bis zu dieser Akademie hatte ich noch nie an einem Workshop teilgenommen, bei dem all diese verschiedenen Arten von Akteuren zusammenkamen. Jetzt sehe ich diesen Raum als eine großartige Plattform für den Aufbau neuer Partnerschaften zwischen Bildungseinrichtungen, Gemeinden, Stadtverwaltungen usw.“.

„Ich denke, dass wir dank der Grundlagen, die uns die Climate Action Academy gegeben hat, weiterhin Konsortien bilden können. Ich bin sicher, dass dieser Raum Auswirkungen auf die Gemeinschaft haben wird“, ergänzte Klavdija Česnik, eine Teilnehmerin aus Slowenien, die in einer regionalen Entwicklungsagentur arbeitet. Eine positive Schlussfolgerung, die die Ergebnisse der Umfragen im Anschluss an das Projekt bestätigt, in denen die meisten Teilnehmer:innen angaben, dass sie nun zuversichtlich sind, das erworbene Wissen und die Methoden zum Klimawandel in ihr Lernumfeld zu integrieren.

Zusätzlich zu diesen anregenden Ergebnissen hatte das Projekt auch Auswirkungen auf die Teilnehmer:innen selbst. Vergleicht man die Ergebnisse der nach und vor der Akademie durchgeführten Umfrage, so zeigt die Grafik einen unbestreitbaren Anstieg der Zahl der deutschen Teilnehmer:innen, die motiviert sind, sich in ihren Gemeinden an künftigen Klimaschutzprojekten zu beteiligen. Ein Ergebnis, das die Organisatoren des Projekts direkt dazu veranlasste, über die Entwicklung neuer ähnlicher Projekte in der Zukunft nachzudenken.

Abbildung 1: Ergebnisse der Umfragen vor und nach der Akademie

 Wie sieht die Zukunft aus?

Wie das 2811-Team selbst erklärt, erwartet die Climate Action Academy Water nicht, dass sie eine Antwort auf die ökologischen Herausforderungen liefert. Vielmehr soll ein Schneeballeffekt entstehen, der zunächst die Projektteilnehmer:innen beeinflusst, die dann ihr Lernumfeld sensibilisieren und lokale Akteure und Akteurinnen zu konkreten Maßnahmen motivieren können, die gleichzeitig einen nachhaltigen Lebensstil fördern und zu einer besseren Anpassung und Resilienz in verschiedenen Kontexten beitragen.

„Wir hoffen, dass die Teilnehmer:innen nicht denken, sie könnten alle Probleme im Zusammenhang mit dem Klimawandel und Wasser selbst lösen, sondern dass sie zu Vorbildern für ihre Schüler:innen und ihr Umfeld werden. Wir geben ihnen Werkzeuge und Wissen an die Hand, mit denen sie Klimaschutzmaßnahmen in ihre Lehrpläne integrieren können, um junge Menschen zu motivieren, sich mit dem Thema zu befassen und sich zu engagieren. Die Idee ist nicht, Lösungen zu liefern, sondern sie zu befähigen, kreativ und problemorientiert zu denken. Es geht um eine Änderung der Denkweise“, erklärte Remy.

„Letztendlich geht es darum, alles zu tun, um unseren Planeten zu erhalten, und dabei spielen junge Menschen eine wichtige Rolle. Es liegt an uns allen, den nächsten Generationen zu helfen, ihr Potenzial zu nutzen, und wir sehen, dass die Climate Action Academy das Potenzial hat, dies zu tun“, schloss Bram Drijvers mit einer gewissen Zuversicht. Wie der deutsche Wissenschaftler Alexander von Humboldt vor mehr als zwei Jahrhunderten behauptete: „Mit dem Wissen kommt das Denken, und mit dem Denken die Kraft”.

Abbildung 2: Foto der deutschen und slowenischen Teilnehmer:innen während der letzten Live-Sitzung der Akademie am 02.06.2022

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